„Als Boxer Auschwitz überlebt“
„Als Boxer Auschwitz überlebt“ – Gesprächsrunde mit Noah Klieger
Gesprächsrunden mit Zeitzeugen aus den unterschiedlichsten Zeitabschnitten der deutschen Geschichte haben an der musikbetonten Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe „Paul Dessau“ in Zeuthen eine lange Tradition. So berichtete Samuel Perel über sein Leben als Hitlerjunge Salomon, der Todesfotograf von Auschwitz über sein Überleben als Fotograf des gefürchteten Lagerarztes von Auschwitz , Dr. Mengele,
und Gilbert Furian diskutierte mit Schülern über die Methoden der Staatsicherheit. Am 26.11.2010 war nun Noah Klieger zu einer Lesung aus seinem Buch „Zwölf Brötchen zum Frühstück – Reportagen aus Auschwitz“, das gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist, an der Schule zu Gast. In einer etwa 2 Stunden andauernden Gesprächsrunde erzählte der in Straßburg geborenen Journalist den Schülern der Leistungs – und Grundkurse der 13. Klassen sachlich, oft mit viel jüdischem Humor auf sein jugendliches Publikum direkt eingehend, ohne jegliches Pathos von dem Grauen in den Todeslagern der SS, aber auch von skurrilen Episoden, die er auf seinem langen Leidensweg erlebt hat.
Er selbst bezeichnete sich als den dienstältesten Journalisten Israels, da er auch im Alter von 84 Jahren noch immer in der Redaktion der israelischen Tageszeitung Yedioth Ahronoth tätig sei. Nach einer historischen Einführung und der eindringlichen Frage, warum und wie die Nationalsozialisten 9 Millionen Juden ermorden wollten, kam er auf sein persönliches Schicksal zu sprechen. Er gehöre zu den knapp 50000 Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz. Am 18.01.1943 im Alter von 16 Jahren nach Auschwitz gebracht, sei es nur Wundern und dem Glück zu verdanken gewesen, die Hölle von Auschwitz, Dora-Mittelbau und Ravensbrück durchzustehen. Die Intuition habe ihn dazu gebraucht, auf die Frage, wer ein Boxer sei, sich als professionellen Boxer auszugeben, obwohl er vorher nie geboxt habe. Eine Laune des Schicksals brachte ihn so in die Boxstaffel eines SS - Kommandeurs, wo er jeden Tag einen zusätzlichen Teller Suppe erhielt. Er habe so 22 Kämpfe bestritten, keinen gewonnen, sei aber so u.a. dem Tod in der Gaskammer entgangen.
Als das Lager im Januar 1945 beim Herannahen der Roten Armee geräumt wurde, zählte Klieger zu den wenigen Häftlingen, die den Todesmarsch nach Deutschland überlebten. Am 29. April von der Sowjetarmee befreit, habe er seitdem seine vorrangige Aufgabe darin gesehen, seine ganze Kraft zu nutzen, um gegen das Vergessen und Verleugnen anzuschreiben. Nachfragen der Schüler u.a. nach dem Kommandanten von Auschwitz Rudolf Höß und nach der Solidartät unter den Häftlingen brachten Herrn Klieger zum Abschluss der Veranstaltung dazu, über die Schuldfrage von einzelnen Deutschen, aber auch über die seiner Meinung nach empörende Rolle der deutschen Justiz im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu sprechen. Noah Klieger begrüßte es, dass vom 20.02. – 24.02. 2011 die Schüler des Leistungkurses nach Auschwitz fahren werden, um sich selbst ein Bild über das berüchtigste Vernichtungslager zu machen. So lange er lebe, werde er darüber reden, das sei seine Pflicht als einer der ganz wenigen Überlebenden. Auf seine Nummer auf dem linken Unterarm zeigend, sagte er: “Ich wurde gerettet, um der Nachwelt Zeugnis abzulegen”.
Unser besonderer Dank gilt deshalb der Konrad – Adenauer Stiftung in Potsdam, die unserer Schule dieses interessante Zeitzeugengespräch ermöglicht hat und uns seit vielen Jahren tatkräftig dabei unterstützt, die langjährige Tradition der Schule fortzusetzen, in regelmäßigen Abständen Exkursionen nach Auschwitz durchzuführen und den Schülern das Ausmaß der Shoah zu zeigen.
Birgit Wenk
